Spontaner Jobwechsel

Februar 2020. Fast ein Jahr ist es her als wir in Las Vegas waren und Zeuge wurden als dort die Hotels geräumt wurden und die Lichter ausgingen. Fast ein Jahr lang bin ich mit kurzen Unterbrechungen zu Hause in Kurzarbeit, denn mein Job ist leider nicht systemrelevant. Ich arbeite im Aussendienst für den Elektronik-Einzelhandel.

Der Vorteil: ich habe viel Zeit meine Internet Seite in ein modernes Format zu bringen und viel Zeit mit meinen beiden Enkeln zu spielen. Allerdings kommt manchmal auch Langeweile auf.

Im November 2020 dann gibt mein Chef bekannt, dass er die Firma verkauft. Wir werden alle übernommen; alles soll bleiben wie es ist. Dennoch überlege ich mir ab und zu wie es langfristig dann wohl wirklich weiter geht. Aber immerhin habe ich auch in Zukunft einen Job – andere hat es in der Pandemie Zeit schlimmer getroffen.

Die Lockdown Zeit verbringe ich also größtenteils vor dem Computer. Mit dem Bearbeiten meiner Webseite und unterwegs in den sozialen Medien. Immer wieder stolpere ich dort über einen Beitrag von Baden-Württemberg: Verschiedene Bahn-Unternehmen suchen nach Mitarbeitern.  Irgendwann macht die Anzeige genau das was Anzeigen tun sollten. Sie erzeugt Interesse und ich klicke auf den entsprechenden Link. Es werden Zugbegleiter, Lokführer und viele andere Jobs bei verschiedenen Bahnunternehmen angeboten. Es gibt Links zu Menschen die bereits einen Job hier gefunden haben. Allesamt glücklich und zufrieden. Man wirbt hier auch um Quereinsteiger und über 50-jährige. Interessant.

Immer wieder sehe ich diese Stellenanzeigen. Zugbegleiterin werden – vielleicht ganz cool. Oder sogar Lokführerin? Ach quatsch. Ich habe ja einen tollen Job der mir wirklich Spaß macht – oder besser machte – damals vor Monaten als ich das letzte Mal gearbeitet habe. Einen Dienstwagen habe ich auch. Ist doch perfekt. Gut – es ist ein Golf. Nicht mein Traumauto – aber er ist günstig und sorglos dieser Firmenwagen. Ne, ne – den Job behalte ich.

Oder nicht? Ach ich kann ja mal eine Bewerbung los schicken. Nur so zum Spaß. Ob die wohl wirklich Leute ohne Vorkenntnisse und über 50 (ich bin sogar schon 54) nehmen? Probieren kostet ja nichts. Aber wenn schon dann gleich als Lokführerin. So einen tonnenschweres Fahrzeug zu bewegen klingt verlockend.  Nun gut – ich habe ja Zeit und Bewerbungen schreiben konnte ich mal richtig gut. Allerdings ist die letzte ist schon sieben Jahre her – so lange bin ich bereits im jetzigen Unternehmen. Aber die Aufgabe sollte lösbar sein. 

Dann das nächste Problem. Woher ein Bewerbungsfoto nehmen? Mein Aktuellstes ist eben genau diese sieben Jahre alt. Ich hab mich nicht wahnsinnig geändert – bis auf die Frisur. Aber wir haben Lockdown und Fotografen sind leider nicht systemrelevant. Aber das mit dem Foto würde ohnehin erst auffallen wenn man mich zu einem persönlichen Gespräch einlädt. Dann kann ich mir immer noch was überlegen.

Ich mache mich also ans Bewerbung schreiben. Die Datei der letzten Bewerbung ist in den Tiefen der Festplatte schnell gefunden. Ich muss ja im Lebenslauf nur den aktuellen Job eintragen, das Anschreiben fertig machen und los….

Das Anschreiben fertig machen. Kein Problem.

Oder doch? Wie um Himmels willen soll ich denn das machen? „Sehr gerne würde ich Lokführerin werden, weil ich in meinem aktuellen Job die Ware so gut präsentieren kann“. Geht irgendwie nicht. Dann eben: „… weil ich damals, als ich eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin gemacht habe schon immer den Plan hatte Lokführerin zu werden“ Neeee, geht auch nicht. Mist, das habe ich mir einfacher vorgestellt.

Auch einen Blick in meinen Lebenslauf macht es nicht besser. Sämtliche Tätigkeiten die ich bis heute gemacht haben lassen sich nicht auf den Job als Lokführern beziehen. Ja dann laß ich es eben. Ich hab’ ja einen Job.

Es lässt mir keine Ruhe und ich bitte Google um Hilfe. Neben Bewerbungsvorlagen die nicht passen finde ich Unternehmen, die für nicht gerade wenig Geld das Schreiben einer Bewerbung mit Lebenslauf übernehmen.  Ne – eigentlich wollte ich es ja eh nur mal probieren – dafür gebe ich doch keine 100€ aus. 

100€ und ein paar Tage später habe ich eine perfekte Bewerbung in meinem Email Postfach. Wow, das hätte ich so nicht hinbekommen. Ich bin begeistert! Die 100€ haben sich wirklich gelohnt, die Bewerbung ist toll. Ich schicke sie ab. Mal sehen was passiert.

Zuerst kam die übliche Mail, die den Eingang meiner Bewerbung bestätigte. Nur wenige Tage kam eine weiteren Mail:  „….Gerne laden wir Sie zu einem persönlichen Vorstellungstermin ein.“…

Ach Du liebe Zeit – ich habe nur noch etwas mehr als eine Woche Zeit um meinem Bewerbungsfoto ähnlich zu sehen. Zum Glück durften seit wenigen Tagen die Friseure wieder öffnen. Zum Termin nehme ich das alte Foto mit. Die Aufgabe an der Friseur: „Bitte diese Frisur und sieben Jahre jünger.“ Der Friseur meines Vertrauens gibt sein Bestes. Die Haare wurden etwas dunkler und kürzer, den Rest muss ich dann selbst mit Make-up erledigen. Wird schon….

Dann der Tag des Gesprächs. Ich wurde zumindest erkannt, das mit der Frisur und dem Make-up  hat also funktioniert. Nach einer herzlichen Begrüßung wurde ich in ein Büro geführt. Hier war ein Eignungstest für mich vorbereitet. Ich habe eine Stunde Zeit dafür – anschließend soll dann noch ein Gespräch stattfinden.

Das mit dem Einstellungstest habe ich bereits im Internet gelesen. Es gab dort auch einige Aufgaben die ich allesamt geübt habe. Vor allem die Textaufgaben machten mir ein wenig zu schaffen. Aufgaben bei denen man lösen muss wieviele Hühner Max hat wenn er morgens 12 Eier findet, von denen er 3 fallen läßt habe ich seit dem Besuch der Realschule nicht mehr gelöst. Ich übe, übe, übe Textaufgaben – langsam habe ich richtig Spaß dabei und ich fühle mich sicher.

Weiter soll in diesen Tests Zahlenreihen vorkommen 2 – 4 – 8 – 10 – ? was kommt an die Stelle des „?“ Und räumliches Vorstellen. Das kann ich durchweg gut. Hier hilft tatsächlich die Ausbildung zur technischen Zeichnerin.

Ich war also vorbereitet und gehe positiv in diesen Test. Die ersten zwei Seiten sind Allgemeinwissen. Mist – das habe ich nicht erwartet. Aber die Aufgaben sind OK und ganz gut zu beantworten. Es sind allgemeine Fragen zu Deutschland, Geografie und Geschichte.

Es folgen Zahlenreihen, geometrische Aufgaben und – ähhhmm wo sind die Textaufgaben? Da waren keine! Keine Einzige! Dafür eine ganze Seite mit Rechenaufgaben. Als wären Grundrechenarten ohne Taschenrechner mit 5-stelligen Zahlen nicht schlimm genug gab es auch noch Bruchrechnen. Ich bin entsetzt. Wie waren doch gleich die Regeln um Brüche zu addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren? Ich grabe sehr tief in meinem Gehirn. Irgendwann vor 35 Jahren muss ich da was abgespeichert haben. Nur WO?!

Die Stunde ist vorbei. Ich habe überall ein Ergebnis hingeschrieben, ausser bei einer Rechenaufgabe. Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Die nette junge Frau, die mich empfangen hatte kommt rein und holt den Test bei mir ab. „Ich werte den schnell aus – dann komme ich wieder“. Ich überlege mir derweilen wie man mit Bewerbern verfährt, die den Test nicht bestehen. Heißt es dann „sorry – wir haben keine Lok für Dich“, oder werde ich durch irgend eine Hintertür hinausgeworfen? Oder heißt es „Netter Versuch – aber Sie sind zu doof“…?? Ich werde es gleich erfahren.

Die junge Frau kommt zurück und führt mich in ein anderes Büro. „Super Test – Sie haben mehr als 80% richtig, das ist sehr gut.“ Ich freue mich riesig und möchte noch wissen ob es speziell mit dem Bruchrechnen geklappt hat: „Ja diese Aufgaben waren alle richtig“ Wow – ich bin ein Genie!

Das Gespräch war nett und locker. Ausser der jungen Frau war noch ein Lokführer anwesend um spezifische Fragen zu beantworten. Weitere Voraussetzungen für den Job sind eine medizinische Untersuchung mit Sehtest, Drogentest, usw und eine psychologische Untersuchung. Die beiden Termine würde man mir per Mail zusenden.

OK – es läuft. Was als „ich schau mir das nur mal an“ begann nahm richtig Fahrt auf. Die medizinische Untersuchung war schon am nächsten Tag um 8 Uhr. Nüchtern – also ohne Frühstück, dafür mit schlechter Laune. Ich hasse es wenn ich nach dem Aufstehen nichts zu Essen bekomme.

Pünktlich um 8 Uhr war ich in der in der Mail angegeben Arztpraxis. Sehtest, Hörtest, Drogentest, Blutabnehmen, Gesichtsfeldmessung, EKG, und, und, und. Nach einer Stunde war ich getestet und für gut befunden. Endlich frühstücken!

Du erinnerst Dich an den Anfang dieser Geschichte – ich war nur eben mal neugierig was das für Job Angebote für über 50-jährige Quereinsteiger sind! Jetzt fehlt nur noch die psychologische Untersuchung. Google sagt, dass man sich darauf nicht vorbereiten kann. Schade.

Die Untersuchung findet im Unternehmen selbst statt. Pünktlich treffe ich dort ein und werde nach kurzer Wartezeit in einen recht großen Besprechungsraum geführt. Der Herr der den Test durchführt ist sehr freundlich und sympathisch. Er erklärt kurz den Test, danach sitze ich vor einem Laptop an welchem Kopfhörer, Pedale und eine spezielle Tastatur angeschlossen sind.  Ich werde alleine gelassen und starte das Programm. Eine gute Stunde lang geht es um darum Tasten und Pedale zu drücken, entweder wenn ein Ton kommt, eine spezielle Farbe oder Formen oder irgendwie alles zusammen. Ich gebe alles!

Nach einer starken Stunde sagt mir der Computer dass es nun Zeit für eine 5-minütige Pause ist. Danach geht der Test weiter. Ein graues Quadrat blinkt langsam auf dem Bildschirm. Wenn sich dessen Farbe ändert muss ich eine Taste drücken. Einmal schweife ich kurz mit den Gedanken ab und hätte so fast den Tastendruck verpasst. Ohje – schnell wieder zur Konzentration finden!  Nach einer halben Stunde ist der Test geschafft ohne dass mich das blinkende Quadrat noch völlig aus der Fassung gebracht hat. Alle in Allem war der Test ziemlich anstrengend und ich bin sehr auf das Ergebnis gespannt.

Der nette Herr kommt wieder rein und meinte: „Dann schauen wir uns das Ergebnis mal an.“ Er schaut in den Computer und hob die Augenbrauen – ich kann seinen Blick nicht einschätzen. War ich gut? Ist hier Endstation? „Wie alt sind sie?“ Fragt er mich. „54“ ist meine Antwort. Ohje…

„Sie haben den Test überdurchschnittlich gut absolviert“ höre ich ihn sagen. „Das wird die Dame von der Personalabteilung sehr freuen. Darf ich Ihr das Ergebnis im Einzelnen mitteilen? Denn eigentlich darf ich aus Datenschutzgründen nur „bestanden“ oder „nicht bestanden“ sagen.“ 

„Aber natürlich dürfen Sie das“ ich freute mich riesig über das tolle Testergebnis. „Dann kommen sie mal mit.“

Die sympathische Frau aus der Personalabteilung freute sich ebenfalls über das Testergebnis und sagte: Ja super – dann kann es ja losgehen am 3. Mai. Glückwunsch. Wir freuen uns Dich im Team zu haben. Noch Fragen?“
„Im Moment nicht“ hörte ich mich sagen obwohl ich eigentlich noch 1000 Fragen habe. „Ja dann tschüß; den Arbeitsvertrag schicke ich morgen raus.“ 

Ich fuhr mit dem Aufzug nach unten und setzte mich zuerst mal auf die nächste Parkbank. Morgen bekomme ich also den Arbeitsvertrag. Heute ist der 29. März und ich habe genau einen Tag Zeit um mein bestehendes Arbeitsverhältnis zu kündigen. Erst mal durchatmen.

Was Mitte Februar als neugieriger Mausklick begann ist nun nur 6 Wochen später also ein neuer Job. Ab Mai starte ich eine 10-monatige Qualifizierung, dann bin ich Lokführerin. Hätte mir das einer vor zwei Monaten erzählt, ich hätte ihn glatt für völlig verrückt erklärt.

Und so habe ich einen Tag später meinen Job gekündigt und starte mit 54 noch einmal richtig durch. Wie es weitergeht erfährst Du hier im Blog. Ich freu mich wenn Du mich auf dem Weg zur Triebfahrzeugführerin – so die korrekte Bezeichnung – begleitest. Es wird spannend.

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